Verschwundene Karte
Die Mutter (über 80) leidet seit längerer Zeit bereits an einer ausgeprägten Demenz und wenn sie ihre Medikamente nicht regelmäßig einnimmt, machen ihr zusätzlich noch Wahnvorstellungen erheblich zu schaffen. Damit sich ihr Zustand nicht rasant verschlechtert, kümmern sich ihre drei Kinder abwechselnd um verschiedene Aufgabenbereiche des täglichen Lebens. Denn auf gar keinen Fall will sie aus ihrem Haus in eine fremde Umgebung oder sich von fremden Personen betreuen lassen. Auch wenn sie hin und wieder mal äußert, dass sie ihr Haus verkaufen möchte, weiß sie doch trotzdem nicht, wie und wo sie dann anschließend leben oder wohnen möchte. Alles in allem ist die Situation für die Kinder sehr schwierig. Sie würden sie ja wohl auch gern bei einem von ihnen zu Hause umsorgen, aber die alte Dame will das auf keinen Fall.
Nun ist der Tochter beim letzten Arztbesuch mit der Mutter die Krankenkassenkarte verloren gegangen, meinte sie wenigstens. Nach vielen vergeblichen Versuchen, die Karte wieder zu finden, hat sie es aufgegeben und bei der Krankenkasse der Mutter eine neue Versichertenkarte angefordert, weil sie für die Mutter immer wieder Nachschub der Medikamente besorgen muß, denn ohne die regelmäßige Arzneimitteleinnahmen wird die Situation der Mutter für alle Beteiligten ziemlich schwierig und ist manchmal kaum noch nervlich zu verkraften.
Nun können die Kinder sich nicht den ganzen Tag bei der Mutter aufhalten und somit bekommen sie auch die dort eingehende Post nicht mit. Wenn einmal eine Rechnung ins Haus flattert, kriegen die Kinder das manchmal erst nach einer Mahnung mit. Dummerweise warten die Kinder seit Wochen auf das Eintreffen der Krankenkassenkarte. Die Mutter behauptet bei jedem Besuch und Nachfragen der Kinder, sie hätte keine Post bekommen. Bei Nachfragen bei der Krankenkasse durch die Kinder wurde diesen zugesichert, die Karte sei ganz bestimmt an die Mutter geschickt worden (und bei mehrfachen Anfragen sogar jedes Mal aufs Neue) und sie sollten doch noch einmal gründlich in ihrem Haus nachsehen. Nachdem jetzt Wochen vergangen sind und die Frau dringend neue Medikamente benötigt aber immer noch keine neue Karte bei der Mutter angekommen zu sein schien,bekamen die Kinder mitgeteilt, das inzwischen 8 Karten an die Versicherte gesendet seien, und nun sei es genug! Auf die Bitte der Kinder, die Karte doch an den Hausarzt direkt oder an eines der Kinder zu senden, mußte der Angestellte der Kasse leider mitteilen, dass dieses aus rechtlichen Gründen nicht zulässig sei.
Was nun? Sollen die Kinder deshalb eine Betreuung veranlassen? Da haben alle drei kein Interesse dran. Sie respektieren den Wunsch ihrer Mutter in ihrem Haus zu bleiben ohne Fremdhilfe auszukommen. Hinzu kommt, dass sie auch mit ihren langjährigen Nachbarn einen guten Kontakt hat. Diese laden sie fast täglich zu Kaffee- und Teerunden ein und bringen ihr manchmal sogar ein warmes Mittagessen oder laden sie dazu ein, was sie auch sehr gern annimmt und nicht missen möchte. Schlimm ist nur, dass sie alles was irgendwie wichtig ist (vor allem Geld und Dokumente) versteckt und dann nicht wiederfindet. Und sie verbittet sich vehement, dass die Kinder in ihren Schränken und Schubladen herumschnüffeln und sie für unfähig darstellen, mit dem Leben allein klar zu kommen. Aber ohne Versichertenkarte gibt es keine Medizin für sie!
Und besonders ärgerlich ist die Tatsache, dass ihre Tochter die Versichertenkarte wiedergefunden hat, diese “klebte” hinten an einer anderen Karte im Portemonnaie. Erst als sie diese andere Karte benötigte, bemerkte sie das. Leider kann sie die alte Versichertenkarte jetzt nur noch vernichten. Denn mit der Beantragung der neuen Karte, wurde die alte für ungültig erklärt.