Der Umgang mit dementen Menschen ist wirklich schwierig. Das habe ich heute wieder einmal in besonderem Ausmaß erleben können.
Seit ungefähr einem Jahr hat sich bei Else (Name frei erfunden), die in diesem Jahr noch ihren 80. Geburtstag feiern wird, die Demenz manifestiert. Seit dem Zeitraum unterstütze ich sie gemeinsam im Wechsel mit einer anderen Person bei der Körperpflege, beim Einkaufen, bei der Versorgung mit Essen und Trinken, der Erledigung von kleinen Bankgeschäften, bei Arztbesuchen, beim Medikamente stellen, um saubere Wäsche kümmern, und was sonst alles so anfällt. Es ist nicht so, daß sie es körperlich allein nicht mehr schaffen könnte. Sie vergißt eben das eine oder andere, manchmal auch Telefonnummern oder Verabredungen, obwohl alles auf etlichen Zetteln, Kalendern, Zeitungen, Fotos, Telefonbüchern usw. x-mal von ihr oder uns notiert wurde. Es kann z. B. sein, daß sie am Tag oder mitten in der Nacht anruft und nach der Telefonnummer von demjenigen fragt, bei dem sie gerade anruft. Oder sie möchte die Uhrzeit wissen (wie gerade eben passiert), oder stellt sonstige für einen gesunden Menschen banal oder unmöglich vorkommende Fragen.
Sonntags morgens helfe ihr ihr schon seit geraumer Zeit immer beim Baden und Haare waschen und nehme sie danach mit zu mir nach Hause. Wir essen zusammen Mittag und am Nachmittag unternehmen wir gemeinsam etwas. Abends bringe ich sie dann wieder in ihre Wohnung. Wir halten wegen ihrer Demenz möglichst immer das gleiche Ritual ab, damit sich der Ablauf bei ihr so besser einprägt. Trotzdem kann es passieren, so wie heute morgen, daß sie keine Lust dazu hat und sich lieber wieder ins Bett legen will. Dann hilft auch kein Reden, wenn sie nicht will, meint sie das Ernst und macht auch nicht ihre Tür auf. Allerdings ruft sie zwei Stunden später an und fragt, warum man denn böse mit ihr sei, sie würde doch so gern kommen, ob ich sie nicht doch abholen wolle. So geschehen heute morgen.
Der Hammer kam am Nachmittag beim Kaffee trinken. Da erzählte sie ganz stolz, daß sie einen Gärtner beauftragt hätte, der ihren Garten in Ordnung bringen sollte. Die Adresse hätte sie von einer ihrer Bekannten bekommen. Und der Gärtner, dem sie telefonisch den Auftrag erteilt hätte, würde auch gleich morgen schon kommen. Das Dumme ist, daß sie das Problem der Gartenpflege vorher mit mir besprochen hat und ich letzte Woche schon jemanden dafür engagiert hatte, weil sie mich darum gebeten hatte. Der sollte nach ihren Vorstellungen aber noch etwas warten und erst in ein paar Tagen kommen, weil sich das Rasen mähen noch nicht lohnen würde und die Gartenarbeiten sonst zu teuer würden. Jetzt stehe ich ganz schön dumm da und kann einem von beiden wieder absagen. Sie wollte wohl auch selbst dort anrufen, wußte aber weder die Namen von beiden, noch was sie mit den jeweiligen Personen genau abgesprochen hätte. Und überhaupt, wüßte sie eigentlich gar nicht, ob sie …???!
Mein lieber Herr Gesangverein, ich habe förmlich mein Blut in Wallung kommen spüren. Ich weiß ja, daß Demenz eine Krankheit ist, kann aber nie nachvollziehen, wann ist Vergeßlichkeit im Spiel oder wann nicht? Und das ganz besonders bei Else, die ich schon seit ewigen Zeiten sehr gut kenne. Ich muß mir gut überlegen, ob ich ihr bei Entscheidungen von Aufträgen noch einmal behilflich bin, denn wenn ein und derselbe Auftrag mehrfach vergeben wird, macht das nicht viel Sinn sondern nur Verdruß und mindestens einer der Auftragnehmer ist darüber genau so ärgerlich wie ich im Moment.
Morgen werde ich versuchen, die Sache mit dem Gärtner zu klären. Ich hoffe es gelingt mir. Aber gut geht es mir dabei nicht. Und Else hat jetzt auch wohl ein Problem. Nachdem ich sie nach Hause gebracht habe, hat sie schon fünf mal wieder hier angerufen und mir die Telefonnummer vom Gärtner durchgesagt, nach der Uhrzeit gefragt und mich aufgeklärt, was ich den beiden Gärtnern sagen soll.
Mir reicht es für heute, ich gehe jetzt schlafen.