Vergessene Töchter
Frau X traf vor einiger Zeit mit Frau Y aus beruflichen Gründen zusammen. Frau X meinte: “Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Kann das angehen, dass wir uns schon einmal früher gesehen oder getroffen haben?” “Ganz bestimmt,” antwortete Frau Y “denn ich bin die Schwester von Ihrem ehemaligen Nachbarn, Herrn R.” “Na sowas, ich habe ja gar nicht gewußt, dass der eine Schwester hat” reagierte Frau X. “Eine?” sagte Frau Y, “nein sogar zwei, eine große und eine kleine Schwester.”
Zwei Wochen später traten beide Frauen wieder in Kontakt. Da fragte Frau X: “Sagen Sie mal, Frau Y, letzte Woche habe ich die Mutter von Herrn R. beim Kaffeekränzchen getroffen und sie nach ihren Kindern gefragt. Sie hat mir erzählt, dass sie nur einen Sohn und keine weiteren Kinder hat. Wer sind Sie denn jetzt wirklich?”
Frau Y blieb die Spucke weg. Seit fast einem Jahr betreut sie im Wechsel mit ihrer jüngeren Schwester die Mutter, weil diese Hilfe benötigt bei der Bewältigung etlicher Aktivitäten des täglichen Lebens. Der Bruder, Herr R. leistet mehr technische Hilfe im Haushalt der Mutter, wie Glühbirnen und Sicherungen auswechseln oder den Fernseher neu einzustellen.
Als Frau Y ihrer “kleinen” Schwester ihr Erlebnis mit Frau X erzählte, meinte deren Mann zu ihr: “Glaub nicht, dass du dich jetzt vorm Kochen drücken kannst, nur weil es dich angeblich nicht gibt!” Das ist wohl die beste Art, die Tatsachen zu überspielen, wenn eine demente Mutter sich nicht mehr an ihre Kinder erinnert, die sich mehrmals wöchentlich um sie kümmern. Aber ein kleiner Schmerz bei den “vergessenen Töchtern” bleibt trotz allem Verständnis für die Krankheit der Mutter doch zurück.