Generation Herbst

Alltagsszenen ab 58 plus

Offene Worte

Abgelegt unter: Alle Beiträge, Mitmenschliches, Pflege — Dora um 8:25 pm am Mittwoch, Juli 18, 2007

Eine ältere Patientin kommt in die Arztpraxis, begleitet von ihrer Tochter. Die ältere Dame ist ein wenig wackelig auf den Beinen, deshalb weist ihre Tochter ihr einen Stuhl im Empfangsbereich zu und übernimmt die Anmeldung ihrer Mutter. Während des Gespräches mit der Arzthelferin trifft eine Bekannte der Mutter in der Praxis ein, begrüßt die Mutter und erkundigt sich nach ihrem Befinden. Das Gespräch und weitere Kommentare der Mutter finden in dem ortsüblichen Dialekt statt und haben in etwa folgenden Inhalt:

Bekannte: Oh, hallo, du auch hier?

Mutter: Hmh

Bekannte: Wie geht es dir denn?

Mutter: Nicht so gut!

Bekannte: Was hast du denn?

Mutter: Weiß ich auch nicht!

Bekannte: Na, das ist ja was.

Die hinzugekommene Seniorin ist jetzt am Empfang an der Reihe und wendet sich von der Mutter ab, um ihr Anliegen vorzutragen. Die Tochter begibt sich mit ihrer Mutter ins ziemlich voll besetzte Wartezimmer. Wegen des warmen Wetters stehen alle Türen und Fenster der Räumlichkeiten offen. So kriegt jeder mit, was im weiteren Umfeld geschieht.

Ein Herr kommt von der Toilette und nimmt Platz im Wartezimmer.

Mutter: Ob der sich wohl die Hände gewaschen hat? Jetzt leckt er an den Fingern rum, um die Zeitung umzublättern.

Tochter: Das wird er wohl schon richtig gemacht haben.

Mutter: (sieht die Bekannte von vorhin am Fenster des Wartezimmers vorbeigehen) Oh, guck, da ist sie ja wieder, die Prominenz vom Dorf. Die war ja auch mal ganz schlimm krank. Die haben Geld wie Heu! Na ja, die Prominenz eben.

Tochter: (schaut ignorierend in eine Zeitschrift).

Da kommt eine ziemlich mollige junge Dame in die Praxis.

Mutter: Meine Güte, was für eine Maschine, nee, wie kann das angehen, so eine Maschine!

Ein Herr wird aufgerufen und ins Behandlungszimmer gebeten. Er ist ziemlich groß gewachsen.

Mutter: Der muß den Kopf aber mächtig bis an die Knie knicken, sonst kommt der nicht mehr durch die Tür.

Eine andere junge Dame, bauchfrei, steht auf, um sich eine Zeitschrift vom Tisch zu holen. Die Mutter beobachtet sie.

Mutter: Guck mal, da kannst du genau sehen, wo der Slip sitzt, der ist ziemlich klein. Wie heißen diese neumodischen Dinger noch?

Endlich wird die Mutter zur Behandlung aufgerufen. Artig folgt sie dem Wunsch der Arzthelferin, in dem entsprechenden Raum Platz zu nehmen. Die Tochter scheint sichtlich erleichtert.

Nachdem die Mutter mit der Behandlung fertig ist, läßt die Tochter noch ein Taxi zur Abholung bestellen. Sie nimmt die Mutter an die Hand und sagt beim Verlassen der Praxis zu ihr: “Auf das Taxi warten wir draußen, ist ja so schönes Wetter.” Die Mutter ist einverstanden.

Ich denke, die Tochter wollte wohl weitere peinlich offene Kommentare bezüglich der dort anwesenden Personen vermeiden.

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