Leben: JETZT
“Das Leben ist eines der schwierigsten Dinge, es ist wie eine Hühnerleiter, kurz und beschissen!” Das hat eine alte Bekannte meiner Eltern in meiner Kindheit oft zitiert. Der Spruch ist mir in Fleisch und Blut übergegangen und ich werde ihn wohl auch bis an mein Lebensende behalten. Die alte Dame ist immerhin fast 90 Jahre alt geworden, obwohl sie zwei mal an Krebs erkrankt war und nach mehreren Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien glücklicherweise wieder ihre Gesundheit erlangte. Nie wieder habe ich einen so unternehmungs- und lebenslustigen Menschen kennengelernt. Sie hat stets gute Laune verbreitet, obwohl sie es in ihrem Leben wirklich nicht gerade leicht hatte. Ihre häuslichen und wirtschaftlichen Verhältnisse waren eher ärmlich und bescheiden. Aber nie hat sie den Kopf hängen lassen oder aufgegeben. Trotz vieler persönlicher Schicksalsschläge hat sie immer wieder mutig nach vorn gesehen und das Beste für sich aus den noch so widrigen Umständen herausgeholt. Meine Bewunderung und Hochachtung für ihre Lebenseinstellung ist ihr somit auch heute noch sicher.
Seit ich das erste Mal in meinem bescheidenen Leben im Alter von 26 Jahren dem Tod gerade noch so von der Schippe gehüpft bin, habe ich mir für meine Zeit auf Erden vorgenommen, jedem Tag etwas Positives abzugewinnen, auf kleine Wunder in meiner Umwelt zu achten und aus Fehlern zu lernen anstatt mich über sie zu ärgern. Jedes Mißgeschick im Leben kann auch der Startschuß zu einem Neubeginn sein, habe ich festgestellt. Man muß sich nur einmal die Mühe machen, sich darauf zu besinnen, was man vom Leben für sich selbst erwartet und was man selbst dazu beitragen kann, es für sich selbst (und damit automatisch für sein eigenes Umfeld) so erträglich und angenehm wie möglich zu gestalten.
Ist es wirklich so notwendig, sich überall angepaßt zu verhalten, nicht unangenehm aufzufallen und wie eine Maschine zu funktionieren? Ich meine NEIN! Was andere von mir erwarten, entspricht nicht unbedingt dem, was mich glücklich macht. Und für ein bißchen Glück im Leben brauche ich nicht unbedingt Reichtümer. Meine Lebenseinstellung ist viel wichtiger! Etliche Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit betrachte ich als weitere Schritte meiner persönlichen Entwicklung und viele Steine, die man mir vor die Füße geworfen hat, habe ich zum Weiterklettern benutzt. Und wenn ich nicht etliche Tiefs in meinem Leben gehabt hätte, hätte ich die vielen Hochs eventuell gar nicht bewußt wahrgenommen.
Zwischenzeitlich habe ich einmal geglaubt, daß ich immer über hundertprozentig hervorragend funktionieren müßte, um meinen Lieben ein zuverlässiger Partner zu sein. Heute weiß ich, daß ich “nur” ein Mensch bin, dem auch Fehler unterlaufen dürfen, denn nobody is perfect! Nur wenn es mir persönlich gut geht, kann ich auch anderen eine ordentliche Stütze und ein guter Partner sein. Wenn ich rastlos und ohne Pausen für Sicherheit und Vorsorge kämpfe, vergesse ich zu tanken und werde krank. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Heute lasse ich zwischendurch mal meine Seele baumeln und tu mir selbst des öfteren etwas Gutes, und zwar spontan und wenn mir danach ist. Man glaubt ja gar nicht, wie erholsam das ist und wieviel neue Kraft man dadurch gewinnt. Ich habe auch aufgehört, stets nach Sicherheit zu trachten, um im Alter beruhigter sein zu können. Woher weiß ich denn, ob ich überhaupt alt werde, ob ich dann noch gesund genug bin, um das zu machen, was mir Freude bereitet? Darum ist meine Devise, jetzt (etwas) zu (erl)leben und nicht alles nach hinten zu verschieben. Sonst könnte ich wahrscheinlich zu viel verpassen und das eines Tages bereuen. Das bedeutet nicht, daß ich meinen Verpflichtungen nicht nachkomme. Ich lasse mich nur nicht mehr zum perfekten Roboter degradieren und von Konsumvorschriften der Werbung manipulieren. Und auch der Alltagsstress im Büro kann mir nichts mehr anhaben, weil ich alles aus einem anderen Blickwinkel betrachte, ich arbeite nämlich eines nach dem anderen ab, je nach Priorität (und die lege ich wo immer es geht, selbst fest).
Wenn man einmal davon ausgeht, daß das Leben morgen schon vorbei sein kann, sollte man endlich anfangen, sich selbst wahrzunemen, zu lieben und zu LEBEN!