Was bedeutet eigentlich “alt sein”?
Beim Menschen kann man ziemlich deutliche Unterschiede zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter feststellen. Bei mir wechselt das z. B. täglich, fühle ich mich heute fit, frisch, aktiv und dynamisch, kann ich mich morgen früh schon wieder uralt, kaputt und fertig fühlen. Und denke ich an “Ersatzteile” wie Brille, Hörgerät, Zahnprothese oder andere Hilfsmittel, so bin ich sicher, daß ein Leben ohne diese Dinge für viele Menschen nicht mehr halb so interessant und angenehm verlaufen würden. Es gibt eine Menge Leute, die mit 58 Jahren dieser künstlichen Hilfen noch nicht bedürfen, aber es gibt auch eine große Anzahl von Personen, die diese Hilfen schon viel früher benötigen (aus welchen Gründen auch immer) und die trotzdem viel Spaß am Leben haben.
Leider bleibt die Vorstellung vom Jungbrunnen ein schönes Phantasiegebilde. Aber die Pharma- und Ernährungsindustrie, Fitness-Zentren und Wellness-Oasen sowie die moderne Medizin sorgen dafür, dass unsere Haut nicht so schnell runzlig wird, die Muskeln nicht vorzeitig erschlaffen, die Zähne nicht so schnell ausfallen, das Gehirn leistungsfähig bleibt und unsere Organe notfalls ausgetauscht werden können. Außerdem ist zu bedenken, daß soziale Einflüsse die Lebensituation sowohl körperlich als auch seelisch erheblich beeinflussen. Nicht umsonst wird von psychosomatischen Erkrankungen gesprochen. In den Alterswissenschaften wird zwar häufig von Ganzheitlichkeit gesprochen, in der Praxis wird jedoch oft vergessen, daß Körper, Geist, Seele und soziales Umfeld erst die Gesamtheit und den Zustand einer individuellen Persönlichkeit ausmachen und sich gegenseitig beeinflussen. Probleme machen krank und Freu(n)de läßt Menschen gesund und jung bleiben oder genesen. Hinzu kommt die genetische Konstitution ebenso wie äußerliche Einwirkungen durch Umwelteinflüsse, Keime, falsche Ernährung, ungesunde Lebensführung u. a.
Wie das Alter eines Menschen von anderen eingeschätzt wird, liegt ganz im Auge des Betrachters. Als kleines Schulkind habe ich Leute über 40 bereits als alt bezeichnet und Menschen jenseits der 60 waren für mich wohl schon uralt. Mit 27 bin ich noch einmal in die Disco gegangen, die ich als Jugendliche besucht habe, dabei habe ich mich ziemlich alt und überflüssig gefühlt. Ein Herr im kalendarischen Alter von 85 Jahren hat mich mit 43 Jahren ”junge Hüpferin ” genannt. Mit 37 Jahren kriegte ich für 3 Tage eine Midlife-Crisis, weil ich mir vorgestellt habe, daß mindestens 50 % meiner geschätzten Lebenserwartung abgelaufen seien. Und jetzt mit 58 denke ich darüber nach, wo ich eigentlich stehe: für den Arbeitsmarkt zu alt und für die Rente zu jung.